Die gerettete Zunge – Von der schönsten Erfindung der Menschheit, dem Verständnis und dem Nachbar
Vor ca. 100 000 Jahren – als auch die körperlichen Voraussetzungen entsprechend gut entwickelt waren – begann die Geburtsstunde von etwas, ohne das wir vermutlich nicht so weit wären, wie wir es heute nun mal sind. Die Sprache.
Sie beeinflusst das Zusammenleben der Menschen, ihre Denke und ihre Gefühle. Ca. 1000 v.Chr. wurden schätzungsweise 20 000 verschiedene Sprachen gesprochen. Und heute? Obwohl die Hälfte der Weltbevölkerung bilingual ist, werden nur noch 7000 Sprachen gesprochen, allein 832 davon in Papua Neuguinea. Die Sprachendichte ist um den Äquator herum am größten, in großen Staaten hingegen ist eine sprachliche Homogenität zu beobachten.
Sprachen und bedrohte Tierarten haben etwas gemeinsam. Manche sind vom Aussterben bedroht, in manchen Regionen unserer Erde stirbt jede zweite Woche eine Sprache und damit auch das jeweilige kulturelle Erbe aus. Hauptsächlich handelt es sich dabei um Eingeborenensprachen. Auch Politiker setzen sich immer mehr und mehr für Sprachen ein. So haben erst kürzlich – gegen den Willen des Parteivorstands um Kanzlerin Angela Merkel – einiger Politiker, die eine akute Gefährdung der deutschen Sprache befürchten, einem Sprachantrag zugestimmt und gefordert, man möge doch die deutsche Sprache vorsorglich schon mal unter Verfassungsschutz stellen. Aber selbst, wenn man Sprachen wie ein Denkmal unter Schutz stellt, darf man eines nicht vergessen, Sprachen sind keine Konservendosen, Sprachen sind lebendig, sie lassen sich eben nicht konservieren, sie leben und verändern sich mit und durch den Menschen. Und sie sind verschieden, sehr verschieden.
Wenn man sich bei manchen Sprachen die Syntax und Lexik anschaut, fragt man sich vorerst, wie können die sich überhaupt verständigen? So gibt es in zahlreichen Sprachen keine Personalpronomen. Ja kann man denn ohne das Wort „mein“ überhaupt etwas besitzen? In anderen Sprachen wiederum gibt es keine Verwandschaftsbezeichnungen und trotzdem müssen sie nicht auf Onkel und Tante verzichten. Bei anderen Sprachen hingegen fehlt der Ausdruck für „rechts“ und „links“, vermutlich fahren die nur geradeaus? In den gälischen Sprachen fehlen die Worte für „ja“ und „nein“ und trotzdem können sie ihre Zustimmung bzw. Ablehnung zum Ausdruck bringen.
Im Deutschen kennen wir neben „er“ und „sie“ – was zumindest geschlechtlich noch Sinn macht – auch noch das „es“, das somit per se jedes Mädchen geschlechtslos macht – zumindest grammatisch. Das haben die Mädchen nicht verdient. Hätte Sigmund Freud seine Schriften vom „Ich“ und „Es“ überhaupt in Türkisch verfassen können? Vermutlich nicht, zumindest nicht so wie im Deutschen, denn im Türkischen gibt es keine geschlechtliche Unterscheidung in der 3. Person Singular. Für „er“, „sie“ „es“ sagen wir einfach nur „o“.
Im Gegensatz zu Sprachwissenschaftlern, die in weltweit operierenden Instituten für den Erhalt bedrohter Sprachen kämpfen, hat die Masse der Bevölkerung keinen Sinn für solch einen „Unsinn“. Per Deklaration wird bestimmt, was gesprochen wird. Ende des 19. Jahrhunderts wurde in Frankreich mit Einführung der Schulpflicht das Bretonische verboten.
Schüler, die gegen diese Regelung verstießen, mussten zur Strafe ein Hufeisen um den Hals tragen. Schilder ermahnten: „Defense de cracher par terre et de parler de Breton“ (Es ist verboten, auf die Erde zu spucken und Bretonisch zu sprechen). Und, wenn man heute auf die Website der Herbert-Hoover-Schule in Berlin geht, findet man in der Hausordnung unter § 1, Artikel 3: „Die Schulsprache unserer Schule ist Deutsch, die Amtssprache der Bundesrepublik Deutschland. Jeder Schüler ist verpflichtet, sich im Geltungsbereich der Hausordnung nur in dieser Sprache zu verständigen.“
Auch ich habe heute mit Sprachen zu tun, aber schon damals als Kind hatte ich keine Angst vor Sprachen. Im Gegenteil. Meine Großmutter sprach arabisch, wir sind mütterlicherseits aus Dubai, in Istanbul lebend sprach sie natürlich auch türkisch. Da sie in Fener wohnte, einem ehemaligen Viertel mit vielen Griechen, hatte sie griechisch gelernt und konnte es fließend. Man muss mit seinen Nachbarn gut leben, sie können zwar türkisch sagte sie immer, aber sie freuen sich, wenn ich mit ihnen griechisch spreche.
Sprache und Mensch gehören zusammen. Man kann keinen Menschen willkommen heißen und erwarten, dass er seine mitgebrachte Sprache, wie einen Hut ablegt. Und wie heißt es so schön im Grundgesetz? „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“
Sehr schön, dann klappt das vielleicht doch noch mit den Nachbarn, selbst, wenn der im Gepäck noch eine andere Sprache mitbringt.
Zerrin Konyalıoğlu
Die Autorin ist in Istanbul geboren, lebt in Hamburg und ist Turkologin, Schwerpunkt interkulturelle Deutschförderung im bilingualen Kontext – Türkisch zu Deutsch. Ihr Buch Deutsch als Zweitsprache – Türkische Schüler systematisch fördern erschien im Persen-Verlag. Dieser Beitrag erschien auch im MIGAZIN.






